Technische Universität München, Fakultät für Mathematik
TUM Math.

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Georg Aumann 1906-1980

Georg Aumann wurde am 11. November 1906 in München geboren. Von 1925-1929 studierte er an der Universität München Mathematik und Physik. Wesentlichen Einfluß auf seinen späteren wissenschaftlichen Werdegang hatten dabei insbesondere die Professoren Carathéodory und Tietze. Bei letzterem promovierte er 1931. Zwei Jahre später habilitierte er sich mit zwei völlig verschiedenen Habilitationsschriften gleichzeitig an der Universität und an der Technischen Hochschule München. Nach einem Aufenthalt als Rockefeller Fellow am Institute for Advanced Studies in Princeton, N.J., 1934/35 wurde er schon 1936 als a. o. Professor an die Universität Frankfurt berufen.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges unterbrach - wie bei so vielen - abrupt seine wissenschaftliche und akademische Laufbahn. Nun folgten schwierige Zeiten: Zunächst scheiterten verschiedene Berufungen auf Ordinariate am Einspruch des nationalsozialistischen Unterrichtsministeriums, begründet mit politischer Unzuverlässigkeit. Und nach Kriegsende war - groteskerweise - eine Denunziation die Ursache, daß ihm von der Besatzungsbehörde jede akademische Tätigkeit verboten wurde; hinterher, als es zu spät war, wurde diese Denunziation als auf einem Irrtum beruhend ,, entschuldigt``. (Otto Haupt: Nachruf. Georg Aumann 11.11.1906-4.8.1980. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften Jahrbuch 1981. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München)

Besonders in diesen Jahren war ihm seine Frau unentbehrliche Stütze, die entschieden mit dazu beigetragen hat, daß er all diese Widrigkeiten ertragen konnte. Aumann hat später über diese Dinge kaum gesprochen. Selbst seinem ältesten Sohn Hartmut wurden Einzelheiten erst bekannt, als er nach dem Tod seiner Mutter 1984 eine Aktentasche mit alten Dokumenten fand. (Briefliche Mitteilung)

Die Wende brachte erst die Annahme eines Rufes als Ordinarius an die Universität Würzburg (1949) und kurz darauf die Annahme eines Rufes an die Universität München (1950). Aumann war seit 1958 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 27 Jahre nach seiner Habilitation an der Technischen Hochschule München wurde er 1960 nach Annahme eines Rufes als Ordinarius wieder Mitglied unserer Hochschule. Von der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen wurde er 1977 durch Verleihung des Dr. rer. nat. h. c. ausgezeichnet.

Über 100 Veröffentlichungen zeigen, daß das wissenschaftliche Interesse von Aumann breit gestreut war. Er hat unter anderen interessante Arbeiten über die Theorie der Mittelwerte, über konforme Abbildungen, über Eigenschaften komplexer Polynome, über Verbandstheorie, und insbesondere über die Theorie der reellen Funktionen geschrieben. Letzteres Gebiet wird auch eingehend in seinem in zwei Auflagen erschienen Buch ,,Reelle Funktionen`` sowie in der zusammen mit Otto Haupt verfaßten und in der 3. Auflage erschienenen 3bändigen ,, Einführung in die reelle Analysis``. behandelt. Er hat in seinen Arbeiten die Probleme stets gründlich analysiert und mit originellen Ideen gelöst. Man kann ihn im besten Sinne des Wortes als einen trickreichen Mathematiker bezeichnen.

Wie er seine Aufgabe als Lehrer an unserer Hochschule insbesondere für Studierende der Technik sah, geht aus seinem dreibändigen Taschenbuch ,,Höhere Mathematik`` hervor. Das Vorwort des 1. Bandes beginnt: Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen (C. G. Lichtenberg 1742-1799). Für diese ist dieses Scriptum nicht geschrieben. Er war immer der Meinung, daß man Mathematik in anderen Gebieten nur dann sinnvoll anweden kann, wenn man ihre grundsätzlichen Ideen ausreichend verstanden hat. Er war zu sehr von ganzem Herzen Mathematiker, als daß er diese Wissenschaft zur bloßen Formelsammlung hätte degenerieren lassen.

Sein letztes Büchlein , Ad Artem Ultimam`, dem seine besondere Liebe galt, gibt eine Einführung in die Gedankenwelt der Mathematik. Das folgende Zitat daraus ist wohl charakteristisch für das Denken Aumanns: Bei diesem Lob der Mathematik als einer hohen, aber nicht lauten Kunst darf nicht vergessen werden, daß für viele ihrer Bewunderer die Faszination der Mathematik nicht nur von ihrer Eigenschaft als Kunst ausgeht, sondern ebenso von ihrer einzigartigen Stellung in der mensch lichen Geistigkeit: Sie ist ein ungeheuer kühner Brückenschlag vom inneren Denken zur äußeren Wirklichkeit ...

Georg Aumann ist am 4. August 1980 in seiner Geburtsstadt München verstorben.

Elmar Thoma

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Michael Kaplan Thu Dec 7 21:19:21 GMT+0100 1995