Technische Universität München, Fakultät für Mathematik
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Robert Sauer 1898-1970

So wird mir Robert Sauer immer im Gedächtnis bleiben: vornehm, liebenswürdig, bestimmt im Wesentlichen, aber kompromißbereit in den Details, mit einer unnachahmlichen Ausstrahlungskraft, die ihre Wurzel hatte in seiner Güte und seiner stillen Herzlichkeit.
(W. Wild, in : Erinnerungen an Robert Sauer, herausgegeben von F. L. Bauer und G. Schmidt, München. Springer, Berlin, 1981)

Als Robert Sauer von 1919 bis 1923 an der Technischen Hochschule München studierte, prägten zwei Mathematiker das Bild dieser Anstalt: Walther von Dyck, der 1919 - in schwerer Zeit - nochmals das Amt des Rektors übernommen hatte, und Sebastian Finsterwalder, der Sauers Doktorvater wurde.

Robert Sauer, am 16. September 1898 in Pommersfelden als Lehrerssohn geboren, mit Abitur am humanistischen Neuen Gymnasium in Bamberg, als Vize-Wachtmeister im ehemals königlich-bayerischen 2. Feldartillerie-Regiment am 18. Januar 1919 entlassen, begann sogleich an der Technischen Hochschule das Studium der Mathematik und Physik für das Höhere Lehramt an Gymnasien. Der drei Jahre jüngere Werner Karl Heisenberg studierte mit ihm; er hat uns wissen lassen, daß Sauer (neben ihm) zu den wenigen Studenten gehörte, die alle Übungsaufgaben richtig lösten. Sauer jedenfalls bestand 1921 und 1923 die Lehramtsprüfungen mit Note 1; er ging ins Seminar am Neuen Realgymnasium in München. Am 13. April 1923 begann er als Studienassessor an der Lateinschule Amorbach im Odenwald. Finsterwalder holte ihn jedoch nach wenigen Monaten als Assistent. 1925 promovierte er mit Auszeichnung zum Doktor der technischen Wissenschaften; schon 1926 habilitierte er sich. Eine Bilderbuchkarriere eines fähigen jungen Mannes scheint sich da abzuzeichnen, freilich auf dem für heutige Maßstäbe sehr bescheidenen Rahmen seiner Zeit: bis 1932 erhielt Sauer, der unter anderem die verantwortungsvolle Aufgabe eines Lehrauftrags für Darstellende Geometrie für Architekten und Zeichenlehrer übertragen bekam, nur die Besoldung eines Assistenten. Der 34jährige bekommt jedoch 1932 einen Ruf nach Aachen; eine Anfangsstelle als nichtbeamteter außerplanmäßiger Professor, die 1937 zu einem Ordinariat umgewandelt wird.

Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen ist sehr nach Sauers Geschmack; der bewegliche Franke kommt mit der rheinischen Fröhlichkeit gut zurecht, der auch seine aus Burgsteinfurt stammende Frau Hanne, geb. Winter, zugetan war. Die Zeitläufte sind weniger geeignet, Sauer Freude zu machen. Der Geometer Sauer erinnert sich der Erfahrungen als Artillerist. Er schreibt 1940 über Geschoßflugbahnen, und zusammen mit Heinrich Pösch, seinem langjährigen Assistenten, publiziert er 1941 eine Arbeit über Anwendungen des Adamsschen Integrationsverfahrens in der Ballistik. Vor allem aber beginnen 1940 Arbeiten über die , Gasdynamik` , die Strömungslehre kompressibler Gase bei hohen Geschwindigkeiten, insbesondere im Bereich lokaler Überschallgeschwindigkeit. Sauer arbeitet eng zusammen mit seinem Freund, dem Ordinarius für Reine Mathematik Franz Kraus. Die mathematische Grundlage dieser Beziehung ist ein Zusammenhang zwischen der Theorie der Flächenverbiegungen und der Gasdynamik, den Sauer erst 1947 explizit publiziert. Zunächst stehen jedoch als praktische Mittel nur die aus der Theorie der hyperbolischen partiellen Differentialgleichungen bekannten Charakteristikenverfahren zur Verfügung. Bei Beschränkung auf rotationssymmetrische (Um-) Strömungen gelingt eine Reduktion auf gewöhnliche Differentialgleichungen, für deren Lösung auch das praktische Instrumentarium verfügbar ist. Sauer arbeitet dementsprechend mit Pösch für Askania an Integrieranlagen für gewöhnliche Differentialgleichungen; anders als Alwin Walther benützt er das Reibradprinzip. Der rotationssymmetrische Ansatz versagt jedoch bereits bei Geschossen mit kleinem Anstellwinkel. Dabei sind noch Störungsansätze möglich, der echt dreidimensionale Fall aber übersteigt die damaligen Möglichkeiten numerischer Rechnung. Hier wird der Keim gelegt für Sauers späteres Interesse an frei programmierbaren, schnellen elektronischen Rechenanlagen.

Die Bedeutung solcher Untersuchungen für die anlaufende Entwicklung von Raketenwaffen ist unübersehbar, Sauer kann sich jedoch von Peenemünde fernhalten. Hinderte ihn sein Abscheu vor jeder Art von Dummheit, den Kontakt mit den Machthabern mehr als unbedingt nötig zu pflegen, so erzielte er durch sein diplomatisches Geschick doch ein erstaunliches Maß an Freiheit. Der Krieg erreicht 1944 Aachen, Sauer wird offiziell nach Karlsruhe versetzt und erlebt den Zusammenbruch in Ummendorf bei Biberach an der Riß, wohin sein Institut schon 1943 ausquartiert wurde. Der Schematismus in der beginnenden Umerziehung der Deutschen veranlaßt die amerikanische Besatzungsmacht, Sauer am 1. Dezember 1945 seines Lehramts in Karlsruhe zu entheben, zur Freude der Franzosen, die ihm ab 1. Mai 1946 als professeur agrégé am Laboratoire d`Etudes Ballistiques in Weil am Rhein bzw. in St. Louis im Elsaß unter Schardin Arbeitsmöglichkeit gewähren. Sauer trägt in den zwei Jahren seines dortigen Wirkens immens zum Ruf dieses Instituts bei.

Doch nun beginnt die eigentliche Geschichte Sauers an unserer Hochschule. Löbell und Lense, letzterer schon seit 1927 als außerordentlicher Professor für Angewandte Mathematik an der Technischen Hochschule und Sauer sehr zugetan, vor allem durch Berührungspunkte auf musikalischem Gebiet, setzen sich für die Berufung Sauers ein, nachdem Kamke, von dem man sich als sehr zielstrebigem Mann für den Neuaufbau einen besonderen Gewinn versprach, einen Ruf abgelehnt hat. Mit Sauer machte die Technische Hochschule in jeder Weise den besseren Fang.

Sauer bringt neuen Schwung in die Mathematik an der Technischen Hochschule. Zunächst merkt man das in den Vorlesungen über , Höhere Mathematik` für Ingenieure. Die Einführung der , Zusatzübungen` stellt sich als pädagogische Großtat heraus. Sauer baut sodann systematisch zwei Arbeitsgruppen auf: eine für Gasdynamik, die andere, als Gegenstück zur technischen Arbeitsgruppe von Piloty, als Mathematische Arbeitsgruppe für Rechenanlagen. Die Finanzierung erfolgt, auch noch neu, fast ausschließlich durch Mittel Dritter. Sauer kümmert sich rührend um seine Schützlinge, in wissenschaftlicher wie in menschlicher Hinsicht. Seinen mathematischen Scharfsinn lernen seine Mitarbeiter kennen und schätzen, als er, um Singularitäten in den Lösungen der Überschallströmungen mathematisch behandeln zu können, zur eben neu aufgekommenen Theorie der Distributionen von Laurent Schwartz greift und sie in einem Seminar darüber zu Höchstleistungen anspornt. Die mathematische Arbeitsgruppe, am Bau der PERM beteiligt, verselbständigt sich nach deren Fertigstellung in den sechziger Jahren zum Rechenzentrum der Technischen Universität und zum Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Sauer legte damit den Grundstein zur Informatik in München, die er seit 1963 auch personell vorbereiten hilft, bis sie sich 1967 formiert. Die Arbeitsgruppe für Gasdynamik führt Sauer auch nach seiner Emeritierung 1966 in verkleinertem Rahmen weiter, bis ihm der Tod die Sorge aus der Hand nimmt. Nach der Emeritierung kehrt Sauer bezeichnenderweise zu einigen ihm liebgewordenen Gegenständen der Geometrie zurück, insbesondere kann er sich noch den lange gehegten Wunsch erfüllen, eine Monographie über Differenzengeometrie zu schreiben, Arbeiten von 1933 über , Wackelige Kurvennetze` aufgreifend.

Neben der unermüdlichen, sorgfältigen Vorbereitung der Vorlesung für die ihm anvertrauten Ingenieurstudenten und der Forschungsarbeit verbleibt Sauer noch Zeit für die Belange der Technischen Hochschule als Rektor 1954-1956, als Prorektor 1956-1958 und 1961-1962. In gleicher Weise setzte er sich für die Bayerische Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er schon 1950 wurde, ein; 1960-1964 als Sekretär der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse, 1965-1970 als Präsident. Besonders stark wiegt Sauers Wirksamkeit in der Hochschulpolitik, wo er Walther von Dyck gleichkommt. Äußerlich kommt das in seiner schon 1962 erfolgten Wahl in den Bayerischen Senat zum Ausdruck; ein halbes Jahr vor seinem unzeitigen Tod wird er auch zu dessen Erstem Vizepräsidenten gewählt. Wichtiger noch ist sein Wirken im Verborgenen. Sein Einfluß auf Abgeordnete, Kabinettsmitglieder und Ministerialbeamte ist groß; der Versuchung, die Macht mehr als recht zu gebrauchen, widersteht er - nicht zuletzt auch unter dem Eindruck des verheerenden Machtmißbrauchs, den er zwanzig Jahre vorher mit ansehen mußte.

Am 22. August 1970 stirbt Robert Sauer, recht unerwartet, an einem Herzversagen. Wolfgang Wild hat in seinen einleitend zitierten Worten den Eindruck eines fachlich fernerstehenden trefflich wiedergegeben. Für den Mathematiker kommt Bewunderung für die mathematischen Leistungen Sauers hinzu, die sich sowohl in der Einzelarbeit wie in der Teamarbeit ergaben. Sauer sprach gelegentlich vom , mathematischen Eros` . So stark wohl diese Flamme ihn verzehrte: seine Bescheidenheit war Demut, die sich im Dienen für die Wissenschaft erfüllte. Demut und Güte als Begleiter überragenden schöpferischen Verstandes - das zeichnet Robert Sauer aus.

Friedrich L. Bauer

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Michael Kaplan Thu Dec 7 21:19:21 GMT+0100 1995