Technische Universität München, Fakultät für Mathematik
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Wilhelm Martin Kutta 1867-1944

Kutta wird 1867 in Pitschen, Oberschlesien, nahe der ehemaligen Grenze zu Russisch-Polen geboren. Der Junge mit dem polnischen Namen (kuta = geschmiedet(e), Schmiede- ...) geht in Breslau zur Schule; seine Eltern hat er früh verloren. An der Breslauer Universität studiert er Mathematik, die Studien beendet er 1894 an der Universität München. Im gleichen Jahr legt er auch die bayerische Lehramtsprüfung ab und wird Assistent für Höhere Mathematik an der Technischen Hochschule München. 15 Jahre lang, bis 1909, nur unterbrochen von einem Studienaufenthalt in Cambridge, bleibt er an der Technischen Hochschule. 1902 wird er zum Privatdozenten ernannt. Gerade war seine Dissertation Beitrag zur näherungsweisen Integration totaler Differentialgleichungen erschienen. Kutta über den Anlaß zu dieser Arbeit: ... Angeregt durch den Aufsatz von Herrn Runge ... [über ] eine angenäherte Berechnung der Lösungen von Differentialgleichungen ... .

Die Runge-Kutta Formeln sollten Epoche machen: Kein rechnender Naturwissenschaftler oder Ingenieur auf der Welt, der sie nicht wenigstens dem Namen nach kennt.

Kutta liest an der Technischen Hochschule München über Trigonometrie, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Elementare Mathematik. Er ist Assistent des
Herrn von Dyck, hält auch die Übungen zu Dycks Vorlesungen über Höhere Mathematik. Die Klarheit seiner Ausführungen, sein Vortrag begeistern das stets überfüllte Auditorium.

Am Mathematischen Institut lehrt auch Finsterwalder. Er zeigt größtes Interesse an der gerade in den Anfängen steckenden Luftfahrt und ihren aerodynamischen Grundlagen; er bringt Fotografien der ersten Flüge eines Aeroplans nach München mit. Die Bilder werden von den jüngeren Mitarbeitern des Instituts studiert und sorgfältig ausgemessen. Der Enthusiasmus über die Luftfahrt steckt Kutta an: Er vertieft sich in die Aerodynamik und findet den berühmten Satz, wonach der Auftrieb eines Profils proportional zur Zirkulation um dieses Profil ist. Der Satz ist in Kuttas Habilitationsschrift, 1902, enthalten. Jahre später entdeckt Joukowski diesen Satz erneut.

Finsterwalder ermutigt ihn, weiter auf dem Gebiet der Aerodynamik zu arbeiten, und 1910 und 1911 legt er wieder Arbeiten von Kutta der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München vor, eine mit dem Titel Über ebene Zirkulationsströmungen nebst flugtechnischen Anwendungen. Sie enthält die berühmte Abbildungsformel aus der Funktionentheorie, mit der später Generationen von Ingenieuren Kuttasche Tragflügelprofile berechnet haben.

Kutta ist auch in einem anderen Arbeitsgebiet Finsterwalders, der Gletscherforschung, tätig. Zusammen mit anderen hat er photogrammetrische Aufnahmen und Vermessungen der Gletscher und Firnfelder der Ostalpen vorgenommen und an den Auswertungen zur Erstellung von Karten der Gletschergebiete mitgearbeitet. 1901 erschien seine Arbeit Der Gepatschferner i. J. 1896.

An historisch-mathematischen Problemen ist Kutta stark interessiert. Angeregt durch das mathematisch-historische Seminar an der Technischen Hochschule München hat er interessante Aufsätze über die Geschichte der geometrischen Konstruktionen mit konstanter Zirkelöffnung verfaßt und in einer weiteren Arbeit nachgewiesen, daß bereits Wallis, 1659, für die Länge des Ellipsenbogens ein elliptisches Integral (in anderer Notation) angegeben hat.

1907 wird Kutta zum außerordentlichen Professor ernannt. 1909 verläßt er München, über Jena, Aachen (1910) geht er nach Stuttgart (1911). 1935 scheidet er aus dem aktiven Hochschuldienst aus.

In Stuttgart widmet sich Kutta mit ganzer Kraft und Leidenschaft der Mathematik-Ausbildung der Ingenieure; viele von ihnen sollen sich noch in späteren Jahren mit großer Bewunderung und Liebe an die einzigartigen Vorlesungen Kuttas erinnert haben. Die Beziehungen zwischen der Mathematik und den angewandten Wissenschaften sind ihm Herzenssache; er tut viel für die mathematischen Grundlagen der Elektrotechnik und ist dabei für andere Wissenschaftler eine große Hilfe - aber er publiziert darüber nichts. Sein langjähriger Stuttgarter Kollege Pfeiffer in einem Nachruf auf Kutta: ..., daß ihm aber auch jeder Ehrgeiz abging, irgendwie durch Publikationen hervorzutreten ...

Kutta ist hoch gebildet; Musik, Kunst, Literaturgeschichte, in allem besitzt er ein umfassendes und gründliches Wissen. Nur durch Zufall er fährt man, daß er auch Arabisch kann. Und als er, schon Ordinarius in Stuttgart, Vorlesungen über Literaturgeschichte hört, schickt er nach je der Vorlesungsstunde Briefe mit seitenlangen Anmerkungen über den gerade behandelten Vorlesungsstoff an den Dozenten, in vollendeter, publikationsreifer Qualität - aber lehnt jede Publikation ab. Wieder Pfeiffer: ... Ich habe das Glück gehabt, in meinem Leben eine große Reihe hervorragender Mathematiker näher kennenzulernen ..., aber ich habe keinen Mathematiker getroffen, der so stark mit so vielen Gebieten geistigen Lebens vertraut war, wie Kutta ...

Der feinsinnige Kutta zeigt Mut, und er hat Charakter. In Deutschlands dunkelster Zeit liest er einem Stuttgarter Kollegen in aller Öffentlichkeit, im Schalterraum einer großen Bank, laut aus Uhlands Werken vor mit dem Ausruf: Das war ein Demokrat ! Der Kollege fühlt sich wie erlöst, als er endlich zum Schalter gerufen wird. -

Aber es wird immer einsamer um Kutta. Pfeiffer: ... Oft habe ich Kuttas Leben reich und beneidenswert gefunden wegen seiner Aufgeschlossenheit für so viele Seiten menschlichen Geisteslebens, oft aber fand ich es auch arm und bedauernswert in seiner Einsamkeit und Zurückgezogenheit ...

Wilhelm Kutta stirbt in schwerer Zeit, von der Welt vergessen, am Weihnachtstag 1944 in Fürstenfeldbruck. Niemand kümmert sich um das verlassene Grab bei der Magdalenenkirche. Es wird aufgelassen und aufgeschüttet. Heute führt darüber ein Spazierweg.

R. Bulirsch, M. Breitner

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Michael Kaplan Thu Dec 7 21:19:21 GMT+0100 1995