Technische Universität München, Fakultät für Mathematik
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Sebastian Finsterwalder 1862-1951

Der Geheimrat Finsterwalder, den ich persönlich nie sprechen konnte, war auch dadurch eine dankenswerte Ausnahme, daß er jungen Leuten gegenüber sehr aufgeschlossen war. Er bedankte sich für die Zusendung aller Schriften durch eigene Arbeiten, oder sandte von sich aus z.T. dicke Separata. (Aus einem Brief Karl Strubeckers (Universität Karlsruhe) vom 13.11.1989 an den Verfasser)

Sebastian Finsterwalder war vierzig Jahre lang (1891-1931) Ordinarius an der Technischen Hochschule München. Er war in dieser Zeit des Aufblühens und der fortschreitenden Mathematisierung der technischen Wissenschaften einer ihrer markantesten und vielseitigsten Professoren. Er wirkte - nach heutigem Verständnis - in idealer Weise als Technomathematiker. Für ihn war Mathematik keine im Elfenbeinturm eingesponnene, nur ihrem Eigeninteresse folgende Wissenschaft. Neben Problemen, die der reinen mathematischen Phantasie entspringen, waren für ihn die Anwendungen der Mathematik ein wichtiger Quell mathematischen Schaffens. Ihn interessierten praktische Probleme gleichermaßen wie ihre mathematische Erfassung und Bewältigung. Dort hat er - ein hochbegabter anschaulicher Geometer mit ausgeprägter ästhetischer Komponente - geniale Pionierarbeit geleistet, die ihm hohes internationales Ansehen und eine Fülle von Ehrungen einbrachte.

Seiner anschaulichen Begabung und seiner Freude am Formenreichtum geometrischer Figuren verdanken wir mathematisch interessante und auch praktisch bedeutsame Konfigurationen. Dazu gehören Packungen kongruenter Kugeln, die den Raum möglichst dicht ausfüllen, aber auch Dreiecksornamente, die von drei Geradenscharen erzeugt werden. Noch heute enthält die Modellsammlung des Mathematischen Instituts der Technischen Universität München eine Fülle von Polyedern mit zum Teil hohen Symmetrieeigenschaften, die auf Finsterwalder zurückgehen. Eines dieser Polyeder kann in der Eingangshalle des Nationaltheaters in München in seiner Ausgestaltung als Beleuchtungskörper bewundert werden.

Auf dem Gebiet der Differentialgeometrie krummer Flächen verfolgte er die Idee, möglichst viele Erscheinungen aus elementargeometrischen Eigenschaften und mit Hilfe mechanischer Interpretation abzuleiten. So begründete er zwei differentialgeometrische Forschungsrichtungen: die eine betreibt die Veranschaulichung von Flächeneigenschaften unter Verwendung mechanischer Modelle, die andere gewinnt differentialgeometrische Flächeneigenschaften aus Eigenschaften differenzengeometrischer (polyedrischer) Modelle. Diese Forschungen haben Robert Sauer und andere Schüler Finsterwalders weitergeführt; Sauers Buch ,, Differenzengeometrie`` faßt diese Ergebnisse zusammen.

Insgesamt umspannen Finsterwalders Beiträge zur Geometrie einen weiten Bogen. Er reicht von seiner Tübinger Dissertation 1886 (über ein Thema der geometrischen Optik) bis zu seiner 1950 erschienenen Streifengeometrie.

Zu Finsterwalders geometrischem Wirken zählen auch seine Vorlesungen über Darstellende Geometrie und Differentialgeometrie, die er an der Technischen Hochschule München 20 Jahre lang regelmäßig gehalten hat (seit 1911 als er von seinem 1891 eingenommenen Lehrstuhl für Mathematik auf den Lehrstuhl für Geometrie überwechselte und Nachfolger L. Burmesters wurde).

Mit seinem sicheren Gespür für praktische Anwendungen nutzte Finsterwalder die Darstellende Geometrie beim Aufbau der Photogrammetrie. Als einer der Ersten entwickelte er Verfahren zur Rekonstruktion räumlicher Objekte aus Photoaufnahmen. Seine bahnbrechende Arbeit ,, Die geometrischen Grundlagen der Photogrammetrie`` (erschienen 1899 im Jahresbericht der Deutschen Mathematiker Vereinigung) ist heute noch lesenswert. Er beschränkte sich nicht auf Untersuchungen am Schreibtisch. Er war zugleich ein Pionier bei geodätischen Vermessungen im Gelände, insbesondere bei Luftbildaufnahmen im Hochgebirge. Er konstruierte einen Phototheodoliten, dessen Ideen die Zeiss-Werke in Jena nutzten, und aus seinen Meßergebnissen entwickelte er die zum Verständnis der Alpengletscher wichtige ,, geometrische Theorie der Gletscherbewegung und Moränenbildung``. SeinBestreben, die Photogrammetrie auch im amtlichen Vermessungswesen einzuführen, fand zuerst beim k.u.k. Militärgeographischen Institut Anerkennung und Förderung. Zur Beschaffung von Luftbildaufnahmen war er ein eifriger Ballonfahrer, und als solcher gehörte er zum Beraterkreis des Grafen Zeppelin. Hier seien auch seine Arbeiten zur Aerodynamik erwähnt - auch daß er Mitbegründer der Akademischen Fliegergruppe (Akaflieg) der TH München war.

Seine Beschäftigung mit Fragen der Kartographie führte Finsterwalder - wie übrigens auch C. F. Gauß (1777-1855) - zur höheren Geodäsie. Sein Ansehen als Geodät war schließlich so groß, daß ihm die Leitung des Geodätischen Instituts in Potsdam angeboten wurde. Er hat dieses ehrenvolle Angebot wie auch zahlreiche andere ausgeschlagen. Er blieb München nicht nur treu, er war mit München und seiner bayerischen Heimat fest verwurzelt. Längst hatte er neben seiner Professur auch eine zentrale wissenschaftliche und organisatorische Position an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften inne, der er über ein halbes Jahrhundert lang (1899-1951) angehörte. Dort wurde er in die Bayerische Kommission für die Internationale Erdmessung berufen, deren astronomisch-geodätische Arbeiten er weitgehend gelenkt hat.

Finsterwalder war auch Mitbegründer des Deutschen Museums.

Leben und Lebenswerk zeigen Sebastian Finsterwalder (der mit dem Studium der Architektur begann, ehe er das Mathematikstudium aufnahm) in seiner ganzen Vielseitigkeit: als Mathematiker und Geodät, als Ingenieur und Physiker, als akademischer Lehrer und Organisator, als Theoretiker und Praktiker.

O. Giering

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Michael Kaplan Thu Dec 7 21:19:21 GMT+0100 1995