Technische Universität München, Fakultät für Mathematik
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Walther von Dyck 1856-1934

Ich habe mein Studium angefangen im Jahre 1919, Dyck und Finsterwalder habe ich noch gekannt und ich habe sie sehr gerne gemocht. Dyck war damals noch Rektor und wir haben ihn alle sehr verehrt, sehr geliebt, und ich erinnere mich, daß er für mich eigentlich das Bild der Vornehmheit war - schon wie er angezogen war, wie er zum Katheder kam, wie er seinen Gruß gegeben hat - und seine Sprechweise, seine Diktion war wirklich ein Genuß. Und während doch manchmal die Studenten ein bisserl, also sagen wir renitent waren - bei Dyck hat es das nicht gegeben, bei Dyck war jeder sofort dabei und verstand, daß das eine Persönlichkeit ist, der man mit größtem Respekt begegnen muß.

Zu verstehen war Dyck manchmal schwer - da muß ich sagen, daß ich bei Faber mehr von der Mathematik hatte - aber was er sagte, war Evangelium für uns. (Rudolf von Miller, in einem persönlichen Gespräch am 5.Februar 1990)

Walther Dyck wurde in München durch die Vorlesungen von Klein und Brill bewogen, Mathematik zu studieren. Er wurde schließlich Kleins Assistent und ging mit diesem 1880 nach Leipzig, wo er sich 1882 habilitierte und zum Privatdozenten ernannt wurde. 1884 wurde er von Leipzig nach München berufen als Nachfolger von Brill auf dem Lehrstuhl für , Höhere Mathematik und Analytische Mechanik` . Walther Ritter von Dyck, wie er sich seit 1901 nennen durfte, wurde 1900 Direktor der Königlichen Technischen Hochschule München.

1901 gelang es ihm, für seine Anstalt das Promotionsrecht zu erringen. Schon vorher war in der Mathematik das wissenschaftliche Gewicht zwischen der altehrwürdigen Ludwig-Maximilians-Universität und der aufstrebenden Technischen Hochschule ausgeglichen, nicht zuletzt wohl, weil die Hörerzahlen das Einkommen der Professoren entscheidend bestimmten. 1902 bekam die Technische Hochschule auch eine Rektoratsverfassung; Dyck wurde der erste Rektor, er hatte dieses Amt bis 1906 inne. Von 1919 bis 1925 war er ein zweites Mal Rektor - das war die Zeit, von der Rudolf von Miller, Sohn von Oskar von Miller, eingangs berichtet. Von Dyck war den Münchnern besonders vertraut als einer der Gründer (1903) des Deutschen Museums, neben seinen Freunden von Miller und Linde. Unter den Mathematikern ist er weithin bekannt geworden als Mitbegründer der Enzyklopädie der mathematischen Wissenschaften und als langjähriger Mitherausgeber der Mathematischen Annalen. Seine Neigung und Begabung zu organisatorischer Tätigkeit verband Dyck mit seinem verehrten Lehrer und Vorbild Klein.

Walther Franz Anton Dyck wurde am 6. Dezember 1856 in München als Sohn eines Malers und Direktors der Kunstgewerbeschule geboren. Er besuchte das Realgymnasium (später Altes Realgymnasium genannt), machte 1875 das Abitur und begann sein Studium am Münchner Polytechnikum, zuerst in den Ingenieurwissenschaften, ab 1876 jedoch in der Mathematik. Schon 1879 promovierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität mit dem von Klein angeregten Thema Über regulär verzweigte Riemannsche Flächen und die durch sie bestimmten Irrationalitäten. Wie es damals gang und gäbe war, legte er auch das Staatsexamen ab. Seine wissenschaftliche Tätigkeit in Leipzig ab 1880 (mit einer kurzen Unterbrechung im Sommersemester 1881 in Berlin) und in den frühen Münchner Jahren umfaßt Arbeiten über orientierbare und nichtorientierbare geschlossene Flächen im Anschluß an Betti, Klein und Schläfli (1888-1894) - über analysis situs (Math. Ann 32 (1888) 457-512. Math. Ann 37 (1890) 273-316. On the Analysis Situs of Threedimensional Spaces, Report of the Meeting of the British Association for the Advancement of Science (1894).) sowie über die Erzeugung von Deckgruppen von Polygonen in der elliptischen, euklidschen und hyperbolischen Ebene und über die , Vertauschungsgruppen von n Buchstaben` - die , Gruppentheoretischen Studien in den Mathematischen Annalen von 1882 werden noch heute in der Literatur über endlich erzeugte Gruppen (, Dyck-Gruppen` ) und über formale Sprachen (, Dyck-Sprachen` ) häufig zitiert. (Über Aufstellung und Untersuchung von Gruppe und Irrationalität regulärer Riemannscher Flächen. Math. Ann. 17 (1880) 473-508. Gruppentheoretische Studien. Math. Ann 20 (1882) 1-45.) In späteren Jahren widmet er sich Arbeiten über Kurven, die durch Differentialgleichungen definiert sind.

Dyck bringt bei seiner Berufung weiteren Schwung in die Mathematik an der Technischen Hochschule. Als glänzender Organisator zeigt er sich bei der Münchner DMV-Tagung 1893, wo er eine international beachtete Ausstellung mathematischer und mathematisch-physikalischer Modelle, Apparate und Instrumente (1892 in Nürnberg geplant, wegen Seuchengefahr verschoben, 1893 in München durchgeführt) zustandebringt, deren Katalog in der heutigen Zeit eine Fundgrube für museale Arbeit darstellt. Für München von besonderer Bedeutung ist auch sein Einsatz im Gefolge von Brill für die Herausgabe der Werke Keplers (Kepler-Kommission der Akademie).

Jahrzehntelang liest von Dyck die HM I-IV, nach dem Ersten Weltkrieg im Wechsel mit Faber. In dieser für die Technische Hochschule besonders schweren Zeit - unter anderem finden an den Universitäten drastische Stellenkürzungen statt - übernimmt von Dyck nochmals das Amt des Rektors. Sein Einfluß auf Abgeordnete, Kabinettsmitglieder und Ministerialbeamte ist groß, und er nutzt ihn in vornehmer Weise.

Am 5. November 1934 stirbt Walther von Dyck. J. E. Hofmann schreibt über ihn im Dictionary of Scientific Biography , Linguistically gifted and a warm, kind-hearted man of wide-ranging and liberal interests, including art and music, Dyck was an outstanding scholar and organizer and an enthusiastic and inspiring teacher` . Robert Sauer, der Dyck noch als Rektor erlebt hatte, würdigte dessen Wirken in seinem Vortrag bei der Akademischen Jahresfeier 1957 der Technischen Hochschule.

Friedrich L. Bauer

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Michael Kaplan Thu Dec 7 21:19:21 GMT+0100 1995